Bleicherode und Kleinbodungen

An den suedlichen Auslaeufern des Harzes liegt das Staedtchen Bleicherode. Diese thüringische Kleinstadt hatte im Jahre 1945 eine besondere Bedeutung. Diese Stadt war der zentrale Sammelpunkt aller Wissenschaftler, die im Heimat Artillerie Park 11 beschaeftigt waren, der von Peenemuende nach Bleicherode evakuiert wurde. Im Verwaltungsgebaeude der "PREUSSAG", die im Ort ansaessig war, wurde die Verwaltung und Produktionsleitung untergebracht. Wissenschaftler, Material, Produktions- und Lagerstaetten wurden in einem Umkreis von 40 Kilometern um den Ort untergebracht. Der Name "Heimat Artillerie Park 11" wurde am 1. August 1944 in Elektrotechnische Werke GmbH, kurz "E.W." genannt, umgeaendert. Hinter diesen Namen verbirgt sich nichts anderes als die Heeresversuchsanstalt Peenemuende. Um alliierte Geheimdienste zu verwirren wurden der Heeresversuchsanstalt verschiedene Decknamen gegeben. Geplant wurde in Bleicherode die Entwicklung und die Versuchsproduktion weiter voranzutreiben. Speziell das Geraet A4 (V2) und die Flakrakete C.2 "Wasserfall"[1] sollten am dringlichsten weiter entwickelt werden.

Als sich im Februar 1945 die Rote Armee sich der der Heeresversuchsanstalt Peenemuende naeherte, wurde in aller Eile der Rest der Anlage evakuiert. Bleicherode wurde zum zentralen Sammelpunkt ausgewaehlt. Viele der ausgelagerten Maschinen und Geraete erreichte durch den Zusammenbruch des deutschen Transportnetzes nicht mehr den Bestimmungsort Bleicherode. Geraete und Maschinen waren dadurch im gesamten noch unbesetzten Gebiet Deutschlands verstreut. Schon bald musste eine weitere Auslagerung nach Bayern in Angriff genommen werden, um den anrueckenden Amerikanern zu entkommen. Es gelang, trotz aller Schwierigkeiten, die Wissenschaftler und teilweise auch die Zeichnungen und wissenschaftlichen Berechnungen nach Bayern zu transportieren. Der groessere Teil der Akten wurde bei Goslar in einem Bergwerk eingelagert. Die sich in Bayern befindenden Wissenschaftler und alle dort vorhandenen Akten fielen in die Haende der Amerikaner. Eine Beute die fuer die Amerikaner von groessten Wert war. [2]

Zum Test- und Produktionszentrum wurde das Kalibergwerk Bleicherode ausgewaehlt. Die Produktion sollte 600 Meter tief unter Tage anlaufen. Geplant war es das Kalibergwerk Bleicherode als Hauptwerk fuer die Produktion und Erprobung zu nutzen. Eingerichtet werden sollte die Anlage in den Stollen 600 Meter unter Tage. Schon bald trafen Geraete und Maschinen aus Peenemuende in Bleicherode ein. Die Stollen des sehr ausgedehnten Kalibergwerkes Bleicherode, sollten mit den Stollen des 10 Kilometer entfernt liegenden Kalibergwerkes Neu-Bleichenrode verbunden werden. Im Durchschnitt betrug die Hoehe der Stollen zwischen 1,50 und 2,10 Meter und die Breite schwankte zwischen 4,5 bis 6 Meter. Es wurde geplant die Stollen fuer die Produktion zu erweitern.
Ausruestungsgegenstaende kamen laufend in der Schachtanlage an, konnten aber zum groessten Teil nicht mehr eingebaut werden. Das elektrische Erprobungsgeraet fuer das A4 und die C.2 Wasserfall Rakete erreichte das Werk. Das hier erbeutete Material wurde in die USA gebracht wo es fuer eine weitere Nutzung getestet wurde.

Nach dem Abzug der Amerikaner und dem Einmarsch der Russen spielte das Kalibergwerk Bleicherode noch eine sehr grosse Rolle in der Entwicklung des sowjetischen Raumfahrtprogrammes. Die Amerikaner hatten bei ihren Abzug aus dem Gebiet, alles was wichtig fuer ihr Raketenprogramm sein koennte, entfernt. Bei der Uebernahme durch die Sowjets, fiel denen nur noch Material in die Haende, das die Amerikaner nicht fuer sehr wichtig hielten. Schon zu diesem Zeitpunkt brachen die Amerikaner die von ihnen unterzeichneten Vertraege, den alles Material was sich in der russischen Besatzungszone befand gehoerte den Russen. Im beginnenden Zeitalter des kalten Krieges, hatten sich die Amerikaner durch das systematische Auspluendern der wichtigsten deutschen Raketenproduktionsstaetten eine technische Ueberlegenheit im Raketen- aber auch Flugzeugbau gegenueber den Russen gesichert.

Unter der Leitung von General Kutschnikow wurde nun begonnen deutsche Wissenschaftler und Techniker einzustellen, die fuer 600 bis 1.400 Mark Monatsgehalt, die Produktion von A4 Geraeten fuer die Sowjets begannen.[3] Der bekannteste deutsche Wissenschaftler der fuer die Sowjets in Thueringen arbeitete war Dr. Goettrup. Bis zum September 1946 arbeiteten 7.000 Mitarbeiter am sowjetischen Raketenprojekt in Thueringen. Unter groessten Schwierigkeiten gelang es den deutschen Technikern und Wissenschaftlern 15 A4 Raketen zu produzieren, die dann in die Sowjetunion geschafft wurden. Raketenteile wurden in Nordhausen und bei Rheinmetall in Soemmerda produziert.

Die Arbeiten in Thueringen ermoeglichten es den Russen ihr Raketen- und Raumfahrtprogrammes zu beginnen. Die Wiege des russischen Raumfahrtprogrammes stand in Thueringen. Ein Punkt der heute schon wieder vergessen wurde. Die Herstellung dieser ersten Raketen muss als eine technische Meisterleistung angesehen werden.

Im Gegensatz zu dem Amerikanern gingen die Russen einen anderen Weg um sich die Technik des Raketenbaues anzueignen. Nur zu oft wird immer wieder erwaehnt das die Sowjets die deutschen Wissenschaftler und Techniker in die Sowjetunion verschleppten. Das entspricht aber nicht den Tatsachen. Wenn man die Bedingungen vergleicht, unter denen Wernher von Braun und seine Techniker und Wissenschaftler bis 1950 in den USA arbeiten mussten, kommt man zu ganz neuen Einsichten. Fest steht das die Amerikaner diese Wissenschaftler bis 1950 als eine Art Kriegsbeute, ohne Rechte, betrachteten. Vielen anderen Wissenschaftlern wurde Arbeit von den Amerikanern versprochen. Diese Zusage wurde aber zum grossen Teil nicht eingehalten und diese Wissenschaftler wurden dann von den Russen und Franzosen angestellt.

In der Schule in Friedrichslohra war das Buero von Dr. Schmidt eingerichtet worden. Er leitete die Entfernungs- und Flugbahnvermessung. Die dazu benoetigten Messgeraete fielen den Amerikaner hier in die Haende. Messgeraete die allem ueberlegen war was die Amerikaner verwendeten. Im nahen Wald wurden Lagerstellen entdeckt in dem A4 Ausruestungsgegenstaende gelagert wurden.



[1] Die komplizierteste in Deutschland entworfene Luft-Bodenrakete. Die Wasserfall war ein sehr erfolgversprechender Entwurf.

[2] Nach Angaben der Library of Congress stellte das Material das den Amerikanern in die Hände fiel einen Wert von 16 Milliarden Dollars in der damaligen Währung dar.

[3] Dittmann, Fred: „Größter Geheimwaffenproduzent des Dritten Reiches. Die "Mittelwerk GmbH" im Kohnstein bei Nordhausen."

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